Festen Schrittes steigt der Mann dem Gipfel zu.

Sein Atem geht stoßweise und bildet weiße Wölkchen vor seinem Gesicht.
Die Last des Rucksacks scheint er kaum zu spüren, seine Haltung ist stolz und aufrecht.
Es ist noch früh. Die Konturen des Berges heben sich furchteinflößend gegen den klaren Nachthimmel ab.

Schritt für Schritt zwingt er den Berg. Er wird nicht umkehren!

In dieser majestätischen Einsamkeit kommt ihm seine Herausforderung zum Bewußtsein: Allein ins ewige Eis!
Wie konnte er nur so verwegen sein und seine Kraft mit diesem Riesen zu messen. Doch er geht weiter. Fest setzt er Fuß vor Fuß.

Im Osten beginnt sich der Himmel zu färben. Wie viele Arten von Grau es gibt: Dunkelgrau, fast schwarz mit funkelnden Sternen; rauchgrau wie das Felsgestein, das an steilen Abbrüchen aus dem Eis ragt; hellgrau wie verwaschener Schnee. Die fahle Morgendämmerung läßt ihn schaudern in ihrer unheimlichen Schönheit.
Schweiß steht auf seiner Stirn. Unruhig beobachten seine Augen den Übergang von der Nacht zum Tag.

Wie weit noch bis zum Gipel? Wird er es schaffen?

Den Mund zu einem schmalen Strich zusammengepreßt versucht er, seine Schwäche zu überwinden. Er kämpft gegen den Wunsch umzukehren.

Der letzte Aufschwung.
Dann ein langer Grat, der seine volle Aufmerksamkeit fordert.
Er darf nicht hinuntersehen, nicht nach rechts und nicht nach links.
Denn zu beiden Seiten gähnt der tiefschwarze Abgrund.

Die Morgenröte, die sich langsam ausbreitet, dringt nicht bis hinein ins Tal. Dort herrscht noch tiefe Nacht.
Heller und heller wird es um ihn herum., andere Berge steigen aus dem Dunkel, geben ihm neuen Mut.
Noch ein paar Schritte - geschafft!
Tief atmet er auf. Sein Herz klopft ihm bis zum Hals. Die Anstrengung des Aufstieges läßt ihm das Blut in Wellen zu Kopf steigen. Die Wangen gerötet, die Augen gegen Osten gerichtet.

Eine große Freude erfüllt ihn, er jubelt der Sonne entgegen, die in diesem Augenblick aufssteigt und alles in warmes, lebenspendendes Licht taucht. Das letzte Grau verschwindet vor den milden Strahlen. Glutrot zuerst, dann leuchtend gelb wird der große Ball am Horizont.

Der Mann vergißt alles um ihn her, horcht nach innen und fühlt ein Glück wie nie zuvor in seinem Leben. Alle Widerwärtigkeiten des Alltags fallen von ihm ab, seine Einsamkeit bedrückt ihn nicht mehr.

„Ich lebe!“

Er darf teilhaben an einem Schauspiel, das zu sehen nur wenigen gegönnt ist.
Das große Erlebnis gibt ihm Kraft. Er wird ruhig, so ruhig wie die See nach einem großen Sturm.
Entspannt blickt er in die Runde, nimmt jeden Gipfel in sich auf.
Er erkennt die Einmaligkeit der zerklüfteten Bergwelt mit ihren Gletschern und Graten, ihrem Fels und Eis, ihrer Unnahbarkeit.

Ein winziger Mensch nur, dem ein kurzer Einblick in die Größe der Natur gewährt war.

Bald wird er wieder unten sein, bei den anderen, die doch soviel ärmer sind als er, ärmer um einen Sieg über sich selbst.

Ärmer um ein unvergleichliches Erlebnis.

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