Station xxx, 12:10 Uhr. 

Zwei Mädchen eilen lachend die Bahnhofstreppe hinauf. 
Gott sei Dank, der Zug steht noch da.
Ein paar flüchtige Worte, Instruktionen, eine Umarmung, ein Lächeln. Bis bald! 
Türenschlagen, ein schriller Pfiff - der Zug setzt sich schnaufend in Bewegung. 
Sie setzt sich ans Fenster, mustert neugierig jeden Reisenden und erschrickt: Ein Blick von klarem Blau taucht in ihre grünen Augen.
Warum sieht er mich so an? 
Eine Jacke liegt achtlos hingeworfen auf der Sitzbank. 

Sie betrachtet die Landschaft, doch magisch ziehen sie diese Augen an. Stahlblau. Unverwandt sieht er herüber. 
Wieder dieser Blick! 

Interessiert gleitet er von ihrem Haar, ihrem Gesicht herab zu ihren Händen, die nervös mit der Uhr spielen, wandert wieder zurück zu ihrem Gesicht und bleibt an ihrem Augenpaar haften, als könnten sie ihm Auskunft geben; Auskunft, die er nie erhalten wird. 
Wieder wenden sich beide ab, wieder sehen sie sich an. 
Sie blättert irritiert in ihrem Buch. Die Zeilen verschwimmen, noch einmal liest sie die Seite, hastig, unkonzentriert. 
Sie spürt seinen Blick. 
Unentschlossen betrachtet sie ihn: gut gekleidet, blauer Anzug mit Weste, gelbes Hemd. 

Wie mag er heißen? 
Wer sie wohl ist? 

Eine neue Station in dieser kurzen Gemeinsamkeit. 
Zwei Leute setzen sich ihr gegenüber. 

Lächelt er? 

Die Schneelandschaft fliegt draußen vorbei. Ein Wald, dann ein zugefrorener See, Felder, wieder Wald. 
Sie beobachtet ihn über den Buchrand hinweg.
Grüne Augen treffen auf blaue, die Blicke halten sich fest.
Zwei Seiten Konzentration auf den Buchtext und die Gewissheit, fast körperlich spürbar, dass er sie unentwegt betrachtet. 
Was gefällt ihm an ihr? Ihr rötliches, superkurzes Haar, ihre sportlich-moderne Kleidung oder ihr Gesicht mit den grünen Augen?

Stationen weiter. Leute steigen ein, Türen knallen. Viele gehen vorbei, suchen leere Plätze. 

Ist hier noch frei? 
Schwergewichtig nimmt eine Dame ihm gegenüber Platz. 
Ein Griff nach Jacke und Tasche. 
Sie wagt ein amüsiertes Lächeln. 
Begreifen leuchtet auf, ist wieder aus dem Gesicht gewischt. 
Derselbe direkte Blick. 

Die Zeit vergeht beiden viel zu schnell. 

Und immer das stoßende Rattern der Räder. Dann steht der Zug. 
Noch zwei Stationen. 

Sie klappt das Buch zu, versucht den blauen Augen auszuweichen. 
Wiesen, Schnee, Wald, immer wieder Wald. 
Die Anziehung ist zu groß, ein Zwang geht von ihm aus. 

Leute verlassen das Abteil. Die beiden sind wieder allein. 
Noch immer ist kein Wort gefallen, nur zwei Augenpaare scheinen zu sprechen. Blau - grün, grün - blau. 
Die Spannung steigt ständig. 
Ein paar Minuten später offenes Einanderzuneigen. 
Er steht auf, nimmt seine Tasche. 
Sie greift nach ihrem Mantel. 

Menschen schieben sich dazwischen, trennen sie. 

Er zögert. 
Der Zug hält. 
Er lässt andere vorgehen, ist wieder auf gleicher Höhe. 
Triumphierender Blick: Ich hab´ sie wieder! 
Das Interesse wird deutlicher. 
Er dreht sich nach ihr um. 
Sie lächelt, folgt ihm die Treppe hinunter. 
Da, der Fahrplan - er liest und weiß doch längst seine Anschlusszeit.

Er wartet, - sie geht vorbei.
Jetzt folgt er ihr die Treppe hinauf. 
Rechts ihr Zug, links der seine.
Immer zögernder geht jeder seinen Weg, voneinander fort. 

Gemeinsames Umschauen. 

Er ist nett, er gefällt mir, doch zu spät- - Ich möchte sie wiedersehen, doch zu spät. 
Er bleibt stehen. Ein letzter, langer Blick. 
Alles liegt in ihren Augen, findet Antwort in seinem letzten Lächeln ... 

Sprich doch! - 

Da fällt die Tür hinter ihr ins Schloss. 
Eine unsagbare Traurigkeit und doch ein großes Glück scheinen ihr Herz zu sprengen. - Vorbei. 
Eine Endgültigkeit liegt im Zuschlagen der Tür. 

Er geht langsam, ganz langsam. 
Seine Augen leuchten in der Erinnerung. 
Resignation, Gedanken wie „hätte ich doch bloß“ schießen ihm durch den Kopf. 
Traum oder Wirklichkeit? Es gibt kein Wiedersehen, doch beide haben etwas Unauslöschliches erlebt. 
Ein paar flüchtige Gedanken, ein glückliches Lächeln und vorbei. 

Vorüber, ja! 
Vergessen, nein! 

Nur ein Abschnitt, nur eine Begegnung.

 

 

 

Station Y 13.18 Uhr.

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